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Tonspur Bild fuer Titelmotiv web »Hier steh' ich nun... «, Audiospur, Abbildung: Franziska Keller 2014

Franziska Keller - »Hier steh‘ ich nun… «

Franziska Keller - »Hier steh‘ ich nun… «
Karin Hollweg Preis 2013

2.11.2014 ‐ 1.2.2015

Franziska Keller, Gewinnerin des Karin Hollweg Preises 2013, zeigte ihre neuesten Arbeiten im Paula Modersohn-Becker Museum. Ein Objekt und drei raumgreifende Installationen interagierten mit den örtlichen Gegebenheiten und ließen die Besucher unmittelbar Teil eines Dialogs über Raum, Zeit und Objekt werden.

Franziska Keller begreift die künstlerische Arbeit nicht als einen Geniestreich, der auf dem handwerklichen und kreativen Geschick der Künstlerin fußt, sondern als bildnerisches Mittel, um die Alltäglichkeit der Dinge und deren inhaltliche Verstrickung zu hinterfragen. Dabei arbeitet sie – ganz im Sinne einer konzeptuellen Strategie der Appropriation Art – überwiegend mit vorgefundenem ästhetischem Material, das ehemals Teil des alltäglichen Geflechts aus Dingen, Menschen und Sprache war. Seiner ursprünglichen Funktion bzw. seinem Nutzungskontext enthoben und durch Ansammlung, Neusortierung und teilweise Modifizierung in einen neuen Zusammenhang gebracht, forciert dieses Material einen frischen Blick auf die Dingwelt. Absurde Momente werden erzeugt und regen zur Spekulation darüber an, ob die Dinge möglicherweise zu mehr in der Lage sein könnten, als der Mensch ihnen aus seinem herkömmlichen Weltverständnis heraus zutraut.

Der Karin Hollweg Preis ist mit 15.000 € der höchst dotierte Förderpreis aller Kunsthochschulen Deutschlands und wird jährlich an der Hochschule für Künste Bremen verliehen. Im Jahr 2013 ging der Preis an Franziska Keller, Meisterschülerin bei Jean-François Guiton. Sie überzeugte die Jury mit einer Kombination aus Rauminstallation, Video und Zeichnung, innerhalb derer sie die Absurdität der Beziehungen zwischen Mensch, Objekt und Raum befragte. Mit der Hälfte des Preisgeldes realisierte die Künstlerin seitdem ein neues Projekt, das diese Thematik fortsetzt, die andere Hälfte ermöglichte die Ausstellung der entstandenen Arbeiten im Paula Modersohn-Becker Museum.

Zu den Arbeiten Wandung, »Die Zeit ist hin« und O. T. (alle 2014)

In der Arbeit Wandung (2014) bettete die Künstlerin ein Konstrukt aus zusammengesetzten Fallrohren so in den Raum, dass es ein in sich geschlossenes System ergab. Es schien, als würden die Rohre allein durch die Wände in ihrer Position gehalten. Der Verlauf der Rohre folgte keiner glatten Linie, sondern imitierte die Form der herkömmlichen Aufhängung von Wandkalendern; die Metallbügel mit ihrer halbrunden Ausformung in der Mitte, an denen sie aufgehängt werden.

Versatzstücke von Kalendern fanden sich auch in zwei weiteren Arbeiten. In »Die Zeit ist hin« (2014) griff Franziska Keller zwei Zeilen aus dem gleichnamigen Gedicht von Theodor Storm auf: »Hier steh' ich nun und schaue bang zurück; Vorüberrinnt auch dieser Augenblick«. 400 kg Kalenderblätter, aufgereiht in einer sich quer durch den Raum spannenden Linie, zeichneten die pulsierende Audiospur des gesprochenen Zweizeilers nach. Der Moment des Sprechens über den verrinnenden Augenblick wurde festgehalten und in eine dreidimensionale Form transformiert. So wurde nicht nur Sprache in den Raum übertragen, sondern indem Vergangenes, nämlich die benutzten und entsorgten Kalender, in die Gegenwart zurückgeholt wurde, gelang es der Künstlerin, die Vergangenheit zu reaktivieren und mit neuer Bedeutung aufzuladen. Die aufgereihten Kalenderblätter drückten, als geballtes Hier und Jetzt, gegen die Wände nach außen und versuchten so, ihre Existenz zu sichern.

Für die Arbeit »Die Zeit ist hin« hat Franziska Keller Kalender »entspiralisiert«. Diese sowie weitere Spiralbindungen, beispielsweise von alten Notizblöcken, fanden Verwendung in dem Drahtspiralkubus o. T. (2014). Zusammengepresst formen sie einen rechteckigen Kubus, der auf einem gewölbten, mit zwei Rollen versehenen Eisengestell ruht. Einst die Halterung für ein Schaukelpferd, fungiert das Gestell nun als Sockel für den Drahtspiralkubus und verbindet sich mit ihm zu einer skurrilen Einheit. Die unterschiedlich gefärbten Drahtspiralen bilden in ihrer Anhäufung ein undurchdringbares Gewirr aus Linien, deren Verlauf das Auge nicht vollständig zu folgen vermag. Durch die Umfunktionierung sowohl der Drahtspiralen als auch des Eisengestells sind Vergangenheit und Gegenwart auch in diesem Objekt vereint. Die Spur des Menschen, der die Dinge benutzt hat, ist noch vage spürbar.

Franziska Keller - »Hier steh‘ ich nun… «, Karin Hollweg Preis 2013

Softcover

Katalog zur gleichnamigen Ausstellung

Herausgeber: Museen Böttcherstraße, Bremen

32 Seiten inklusive 14 farbigen Abbildungen

 

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